• Jessica Blömeke

Die heilende Kraft in den "Fifty Shades of Grey" und co.


Eine meiner größten Leidenschaften ist das Lesen. Bereits als Kind war ich eine regelrechte Leseratte. Damals wie heute sind Bücher, viele Bücher ein wesentlicher Einrichtungsgegenstand meiner Wohnung.

Beim Lesen laufen all meine empathischen Sinne auf Hochtouren. Ganz im positiven und stärkenden Sinne. Mich faszinieren an Büchern vor allem die Geschichten hinter den Geschichten. Genau wie im Umgang mit anderen Menschen fühle und spüre ich die Geschichten der Beteiligten in den Büchern. Anders als in der realen Welt geschieht dies jedoch aus einer Art Metaperspektive bzw. Beobachterposition heraus. Das hat für mich und andere Empathen folgende Vorteile:

1. Schulung meiner empathischen Fähigkeiten:

Durch die Metaperspektive beim Lesen kann ich einerseits mit allen Fasern meines Seins in die Handlung des Buches hineintauchen. Andererseits behalte ich dabei gleichzeitig die feine, aber bedeutende Grenze zu meinen eigenen Empfindungen, Gedanken und zu meinem Selbst. Ich bin beim Lesen dazu in der Lage sozusagen zweigleisig zu fahren, was mir einen großen Gestaltungs-, Erfahrungs- und Lernraum eröffnet und meine Akkus aufladen lässt.

2. Themen des Kollektivs:

Die Themen, die in Büchern von den einzelnen Autor*innen behandelt werden, spiegeln den aktuellen Zeitgeist wieder. So erfahre ich beim Lesen gleichzeitig eine Menge über Prozesse und Themen im Kollektiv, die erzählt werden möchten und sollen.

3. Integration von Schattenaspekten:

Empathisches Lesen setzt bei mir sowohl auf kognitiver als auch auf seelischer Ebene intensive Prozesse in Gang.

Das ist am besten mit dem Bild eines Domino-Spiels vergleichbar:

Ist der erste Stein umgestoßen, kommt mein ganzes System in Bewegung. Das endet erst, bis der letzte Stein gefallen ist. Schattenaspekte von mir haben so die Chance ins Bewusstsein und damit ins Licht zu geraten und somit zur Heilung zu kommen.

Ich beobachte seit etwa zwei Jahren, dass vermehrt Romane veröffentlicht werden, in denen es vordergründig scheinbar „nur“ um Sex in all seinen Facetten geht, es aber hintergründig immer Geschichten von z.T. schweren Traumatisierungen sind. In all den Büchern, die ich dazu gelesen habe, finden die Protagonisten letzten Endes durch die Kraft der Liebe Frieden mit ihrer Vergangenheit und, zu einem gewissen Grad, Heilung.

Die wohl bekannteste Buchreihe dieser Art ist der Dreiteiler von „Fifty Shades of Grey“ von E.L. James. Aber auch die „Driven“-Serie von K. Bromberg oder der kürzlich erschienene Roman „Secret Sins. Stärker als das Schicksal“ von Geneva Lee fallen unter diese Kategorie.

Ich habe sie so ziemlich alle gelesen, sie regelrecht verschlungen. Das für mich spannende an diesen Romanen ist für mich die jeweilige Geschichte hinter der Geschichte.

Meinen Ansatz möchte ich anhand der „Fifty Shades of Grey“ erläutern. Diese spezielle Buchreihe habe ich lange nicht gelesen, da ich sie vom Hörensagen her zu extrem fand. Letzten Endes siegte meine Neugier und fande die Bücher letztendlich richtig gut.

Wer ist Christian Grey?

Ein Multimillionär, dessen einzige Art von Beziehung zu Frauen in Form von vertraglich festgehaltenen Sadomaso-Beziehungen bestanden hat. Rein oberflächlich betrachtet dienten sie dazu, seine sexuelle Lust zu befriedigen.

Fühle ich mich mit meiner empathischen Natur in Christian Grey hinein, sehe ich ein zutiefst traumatisiertes und verletztes Kind im Körper eines attraktiven Mannes, der in seinen ersten Lebensjahren schlimmstes Leid erfahren hat. Begriffe wie Sicherheit, körperliche und seelische Unversehrtheit, Vertrauen und Liebe waren ihm gänzlich unbekannt.

Hinter jedem Verhalten steckt ein guter Grund

Menschen, die so etwas überlebt haben, entwickeln allerlei Kompensationsmechanismen und Überlebensstrategien, um damit fertig zu werden. So betreibt Christian Grey beispielsweise exzessiven Sport, sein Bedürfnis nach totaler Kontrolle über praktisch alles und jeden in seinem Umfeld oder aber sein Zwang, dass alles Essen auf dem Teller, aufgegessen werden muss. Selbst Christians sexuelle Neigungen sind eine Folgeerscheinung seiner Erlebnisse: An einer Stelle, ich glaube es war in Band zwei, erzählt Christian, dass er seine Mutter, „die Crack-Hure“, bestrafen will, wenn er stellvertretend seine dominante Art an den Sub's auslebt.

Es gibt in der Pädagogik das Konzept des guten Grundes. Im Wesentlichen besagt dieses Konzept, dass jeder Mensch für sein Verhalten einen guten Grund hat. Im Fall von Christian Grey erfüllen zum Beispiel seine Kompensationsmechanismen das Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit, Sicherheit und Unversehrtheit. Er legt also ein angemessenes Verhalten für völlig unangemessene Erlebnisse in seiner Vergangenheit an den Tag.

Begegnung mit der Liebe

Und plötzlich begegnet Christian der Liebe in Gestalt seiner Soulmates Anastasia Steele. Ab dem Moment gerät seine gesamte sorgsam errichtete Welt aus Scheinsicherheiten und Kontrolle aus den Fugen.

Das macht Christian zunächst eine Heidenangst, weil er bedingungslose Liebe durch seine leibliche Mutter nie kennengelernt hat und weil Liebe auch bedeutet, sich aus seiner Komfortzone herauszubegeben. Schritt für Schritt bringt Anastasia ihn durch ihre Liebe, die sich ein Stück weit durch Naivität zeigt, zurück ins Hier und Jetzt. In dem sie ist wie sie ist. In dem sie ihre eigenen Grenzen spürt und diese bewahrt. Dadurch ist sie in der Lage Christians Grenzen einzuhalten. So wächst Vertrauen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass die beiden sich außerhalb des Bettes auf Augenhöhe begegnen. Sie lässt sich nicht auf seine Spielchen ein. Dadurch ist Christian gewissermaßen gezwungen sich immer wieder aus seiner Komfortzone herauszubegeben.

Mit Spielchen meine ich hier nicht die Sex-Spielchen, sondern folgende: ;-)

Menschen, die an Traumafolgestörungen leiden, haben innerlich ein negatives Selbstbild. Es passt nicht in ihre Vorstellung, dass sie liebenswerte Menschen sind, die dann auch noch von anderen geliebt werden. Um sich dieses Bild zu bestätigen, kreieren sie unbewusst immer wieder Szenarien, in denen sie zum Beispiel Streit provozieren. So meinen sie nahestehenden Menschen beweisen zu können, was für schlechte Menschen sie seien und das sie es nicht verdienen geliebt zu werden. Das eben beschriebene Phänomen lässt sich zum Beispiel gut in den „Driven“ Büchern nachlesen.

Was hilft mir beim Umgang mit meinen eigenen Schattenaspekten?

Nun ja, da ist zum einen ein Glaubenssatz aus meiner Herkunftsfamilie, der mich im absolut positiven Sinne immer durchs Leben getragen hat:

Alles im Leben hat einen Sinn, auch wenn sich dieser erst viel später zeigt.

Ich glaube, dass in absolut allem etwas Gutes verborgen ist. So auch in Krisensituationen und nicht gelebten Schattenaspekten. Ich „muss“ das Gute nur erkennen. Das gelingt mir jedoch nur, wenn ich dazu in der Lage bin, mich gedanklich in eine Metaperspektive zu begeben. Das ist ein fortwährender Lernprozess. Ein wundervoller wie ich finde, denn er schenkt mir unendlich viel Freiheit.

Zum anderen hilft mir dabei eben u.a. das Lesen. Es gibt Themen, die berühren mich. Da werde ich wütend, traurig, ich muss weinen, fühle mich angesprochen. Das gleiche passiert mir bei Musik oder bestimmten Filmen. Jedes Mal, wenn mir das passiert und ich dabei emotional in irgendeiner Art extrem reagiere, weiß ich, da ist in mir noch ein Schatz im Verborgenen, der ans Licht möchte. Da ist eine Wunde, die geheilt werden will.

Wenn das geschieht habe ich immer die Wahl:

Lasse ich mich von meinen Gefühlen beherrschen und projiziere sie alle nach Außen oder gehe ich in die Selbstverantwortung und schaue hinter die Gefühle. Wähle ich den ersten Weg führt das zu Streit, Selbstverachtung und Selbstzweifeln. Alles Dinge, die ich nicht möchte. Wähle ich den zweiten Weg, gelangen meine Schattenaspekte ans Licht. Heilung geschieht.

Tabubrüche lassen Schatten leuchten

Ich finde es klasse, dass es Autorinnen gibt, die den Mut aufgebracht haben, auf dieser Ebene Tabus zu brechen. Sie haben die Tabus gebrochen über sexualisierte, seelische und körperliche Gewalt zu schreiben, über Süchte und deren Folgen und über Sex in all seinen Facetten. Für mich fühlt es sich an, als ob dadurch ein Raum für individuelle und kollektive Heilung geöffnet wurde.

Ich finde, dass die Autorinnen es geschafft haben, auf eine empathische Art und Weise einerseits prickelnde Liebesgeschichten zu schreiben und andererseits unzählige Menschen auf einer ganz niedrigschwelligen Ebene über Schicksalsschläge, Familientragödien, Traumatisierungen und deren Folgen aufzuklären. Ich empfinde das als äußerst wertvoll.

Ich werde nicht müde auch weiterhin solche Bücher zu lesen. Der Romantikerin in mir hat den Glauben, dass es für jeden Menschen seinen Soulmate gibt und dass dieser zur richtigen Zeit am richtigen Ort in Dein Leben tritt.

Von Herzen, Deine Jessica

Foto from Pixabay

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